Rabenvögel in Leipzig

Den Winter verbringen wieder tausende Rabenvögel in Leipzig. Mit Geduld und Glück kann man spektakuläre Flugmanöver am Abendhimmel beobachten.

Rabenvögel sind gesellige Tiere, die den größten Teil des Jahres gemeinsam mit Artgenossen verbringen. Im Bild zu sehen sind Saatkrähen, die man an ihrem hellen Schnabel erkennt (Foto: Michael Dech).

Sie sind schwarz, groß, und über weite Entfernungen zu vernehmen. Die Mehrzahl von ihnen ist mit Gleichgesinnten in Schwärmen vergesellschaftet: die Rede ist von Rabenvögeln. Vor allem im Herbst und Winter sind diese Tiere besonders auffällig, da sie in jener Zeit noch größere Schwärme bilden als in der übrigen Jahreszeit. In Leipzig kann man das Schauspiel jedes Jahr zur selben Zeit verfolgen, wenn sie ihre Kreise über den Häusern der Stadt sowie den Parkanlagen ziehen. Leipzig beherbergt eine der größten Rabenvogelkolonien in der Region. Der jährliche Winterbestand dürfte weit über zehntausend Individuen umfassen. Es handelt sich dabei um Saatkrähen, Dohlen, Rabenkrähen und Nebelkrähen. Während sie tagsüber verstreut auf umliegenden Feldern, Brachflächen, Parkanlagen oder Ruderalflächen auf Nahrungssuche gehen, finden sie sich allabendlich auf einem so genannten Vorsammelplatz zusammen, um anschließend mit einem ohrenbetäubenden Getöse aufzufliegen und nach ein paar Schaurunden am Abendhimmel gemeinsam zum Schlafplatz zu fliegen.

Kunststücke am Firmament

Sehr schön konnte man dieses Schauspiel über viele Jahre lang am Rande des Klara-Zetkin-Parks an der Pferderennbahn beobachten. Mit etwas Glück wird man in solchen Gebieten Zeuge von wahren Kunststücken am Himmel, die man sonst nur von riesigen Fisch- oder Starenschwärmen kennt: Es scheint, als bilden die schwarzen Vögel eine Einheit, als wären sie ein einziger überdimensionaler Organismus. In wellenförmigem Flug bewegt sich dieser lang gezogene Organismus in weiten Bahnen über der Pferderennbahn. Ein Naturschauspiel mitten im Winter. Nun ändern sie ihr Manöver und bilden eine Art Kugel. Diese Kugel ist innen hohl und dreht sich. Sie gleitet herab, steigt wieder auf, gleitet herab, steigt wieder auf… Ein faszinierendes Schau(er)spiel mit Gänsehautgarantie!

Winterbestand ist nicht gleich Brutbestand

Die winterlichen Ansammlungen dürfen jedoch nicht mit dem örtlichen Brutbestand gleichgesetzt werden, wie es oftmals fälschlicherweise geschieht. Die Tiere kommen vielmehr aus einem größeren Einzugsgebiet zusammen – der Großteil von ihnen aus Russland, Polen und dem Baltikum. In Leipzig brüten im Frühjahr sechs Rabenvogelarten: Elster (Pica pica), Rabenkrähe (Corvus corone), Saatkrähe (Corvus frugileus), Eichelhäher (Garrulus glandarius), Dohle (Corvus monedula) und Kolkrabe (Corvus corax). Mit Ausnahme der in Kolonien brütenden Saatkrähen und Dohlen sind die genannten Spezies zur Brutzeit territorial und verteidigen ihre Reviere gegenüber Artgenossen.

Schlafplätze als „Informationszentren“

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Schlafplatzkolonien von Rabenvögeln können mehrere hundert oder tausend Individuen umfassen. Dieses Foto entstand vor einigen Jahren im Klara-Zetkin-Park (Foto: M. Dech).

Doch nun zurück zu den winterlichen Schlafplatzgemeinschaften und ihrer Bedeutung. Der amerikanische Wissenschaftler Bernd Heinrich beschäftigte sich viele Jahre mit Rabenvögeln. Mittels aufwändigen Freilanduntersuchungen sowie Untersuchungen mit in Gefangenschaft gehaltenen Raben konnte er eine Vielzahl von neuen Erkenntnissen zum Verhalten und der Intelligenz dieser Tiergruppe gewinnen. Interessant war die Einsicht, dass Rabenvögel in der Lage sind, anderen Artgenossen mitzuteilen, wo es ergiebige Nahrungsquellen gibt. Diese Entdeckung machte Heinrich in den Wäldern von Maine, in denen im Winter viele Raben leben. Wie es für diese Tiere üblich ist, versammeln sie sich jeden Abend am selben Ort, um dort gemeinsam zu nächtigen. Frühmorgens vor Sonnenaufgang fliegen sie aus, um schon bekannte Nahrungsplätze anzusteuern oder nach neuen Nahrungsgründen zu suchen.

Der Wissenschaftler ließ in unmittelbarer Nähe einer ergiebigen Nahrungsquelle, die er selbst ausgelegt hatte, einen besenderten und zuvor in Gefangenschaft gehaltenen Raben frei. Dieser tat sich zunächst an den ausgelegten Fleischresten genüsslich. Am Abend flog er zu der in einiger Entfernung liegenden Schlafplatzkolonie, um dort zu nächtigen. Am nächsten Morgen staunte der Wissenschaftler nicht schlecht, als die Individuen der Schlafplatzkolonie erstmals zu der neuen Nahrungsquelle flogen, um sich hier ordentlich zu bedienen. Kein Vogel der Kolonie war jemals zuvor an der Nahrungsquelle gewesen und kannte sie demzufolge nicht. In der Zeit vor diesem Ereignis suchten sie stets andere Nahrungsgründe auf. Der freigelassene Rabe muss den Mitgliedern der Schlafplatzkolonie also in irgendeiner Form mitgeteilt haben, dass es in einiger Entfernung einen neuen ergiebigen Nahrungsgrund gibt, für den es sich lohnt, von der alten Nahrungsquelle abzulassen.   

Michael Dech

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