Aus der Vogelwelt: Kernbeißer

Bild von JacekBen auf Pixabay
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Der Kernbeißer (Coccothraustes Coccothraustes) ist der größte in der Familie der Finkenvögel. Er wird auch als Kirschkernbeißer, Kirschfink, Finkenkönig oder in Bayern als Kerenbeisser bezeichnet.

In Holland nennt man ihn Appelvink, was merkwürdig ist, denn in Apfelbäumen sieht man ihn nie, jedenfalls nicht zu der Zeit, wenn die Äpfel reifen. Er ist etwa starengroß, seine Flügelspannweite liegt zwischen 29 bis 33 cm und sein Gewicht beträgt etwa 48 bis 62 Gramm.

Kernbeißer gibt es in Mittel- und Südeuropa bis nach Vorderasien (ehemals Persien) hinein. Er ist einer der schönsten unserer heimischen Vögel mit seinen zarten Farbtönen von braun und grau, mit der abgesetzten schwarzen Maske um den Schnabel bis zu den Augen, mit der weinroten Unterseite, den weißen Schulterflecken und den rüschenartig gebogenen Armschwingen. Eine Zierde, die in der Vogelwelt selten ist!

Seine Gestalt ist weniger elegant; er wirkt durch seinen kurzen Schwanz sogar etwas plump und besonders unförmig ist sein gewaltiger Schnabel, der zur Brutzeit schön blitzeblau ist, im Winter hell hornfarben, bzw. eher zimtbraun. Mit diesem mächtigen Schnabel kann er harte Obststeine, wie Pflaumen- und Kirschkerne, zerknacken (der griechische Name Coccothraustes heißt wörtlich übersetzt Kernzerbrecher) und so den süßlichen Nusskern erlangen und verspeisen. Aus dem Fruchtfleisch macht er sich nichts, er wirft es fort.

Der Schnabel des Kernbeißers ist nicht nur auffällig groß, er ist auch ungewöhnlich aufgebaut. So befinden sich im Oberschnabel mehrere parallele Schneidekanten und der Unterschnabel ist fest im Schädel verwachsen. Um an das Kerninnere zu gelangen, werden Kirschkerne mit der Naht nach unten gepackt, da hier der niedrigste Spaltdruck benötigt wird. Flache Kerne, wie die der Olive oder von Zwetschgen, werden flach im Schnabel gehalten. Dabei übt der Kernbeißer einen Druck von 40 bis 50 Kilogramm aus. So knacken sie z.B. mit Leichtigkeit auch schwer gepanzerte Käfer. Wenn man einmal einen Kreuzschnabel ergreifen muss, sollte man sich vor diesem Schnabel hüten, denn der Biss geht mühelos bis auf den Knochen!

Das Weibchen ist heller und weniger intensiv gefärbt. Die Farben sind nicht so scharf abgegrenzt wie beim Männchen. Der Oberkopf ist weniger rotbraun und leicht gräulich. Die Brust ist rötlichgrau und die Unterseite grauweiß.

Der Kernbeißer ist auch in unseren Städten nicht selten; er bewohnt dort Parkanlagen, größere Obstgärten und Mischwälder, wo er in höheren Laubbäumen sein Nest baut. Er geht dabei heimlich und verstohlen zu Werke, oft macht uns nur das scharfe ,,Zicks zicks” oder ,,Zicksit” seines Lockrufes auf das Paar aufmerksam. Wenn wir Glück haben, können wir das verträgliche und zärtliche Pärchen auf der Futtersuche am Boden, wo sie vorjährige Ahornsamen und ähnliches aufpicken, beobachten.

Das Weibchen lässt sich zur Balzzeit mit hängenden und zitternden Flügeln wie ein Jungvogel vom Männchen unter leisen, zärtlichen, Bübübü”-Tönen füttern. Der Gesang ist unbedeutend; nur ein knarrendes leises Schwatzen, das wie “tikk tik tör-hui-hui” klingt und gern vom Männchen, auf einer Baumspitze sitzend, vorgetragen wird.

Im Gegensatz zu dem verfilzten Nest anderer Finkenvögel baut der Kernbeißer ein lockeres Reisignest, in dem eine Mulde aus Halmen, Fasern und Moos liegt, die dann mit Haaren und Pflanzenwolle ausgelegt ist. Die Kernbeißer bauen so unauffällig und heimlich, dass man bis heute noch nicht weiß, ob beide das Baumaterial heranbringen oder nur ein Partner. Anfang Mai legt das Weibchen 5 bis 6 hellblaue, mit grauen blassen Schalenflecken und schwarzen Punkten und Schnörkeln gezierte Eier, die in der Hauptsache vom Weibchen bebrütet werden; nur über Mittag übernimmt das Männchen die Brut.

Nach 14 Tagen schlüpfen die Jungen, die mit ihren langen weißen Daunen recht putzig aussehen. Sie haben die buntesten Sperrrachen unter unseren heimischen Vögeln; sie sind um die Zunge und den Gaumen herum blutrot, rings von einem himmelblauen Kreis umgeben, die Zipfel der inneren Schnabelspitzen sind orangegelb mit einem hellgelben Saum, die breiten Schnabelwülste links und rechts des Schnabels leuchtend gelb.

In 14 Tagen haben die Jungen ihr Jugendkleid angelegt, das auf der Oberseite etwas abgeblasst, die Farben der Alten hat; der Bauch ist hell-gelbgrau mit großen braunen Tupfen, die beim jungen Männchen stärker und gröber sind als bei seiner Schwester. Der Schnabel ist noch weich und hornfarben.

Mit 6 bis 7 Wochen mausern sie das Kleingefieder und kommen damit ins Alterskleid. Wenn sie ausfliegen, folgt je eine Hälfte der Kinder je einem Elternteil. Sie werden noch lange geführt; die Alten haben Zeit. Es gibt immer nur eine Brut im Jahr.

Der Kernbeißer liebt vor allem die Kerne von Pflaumen und Kirschen, er knackt aber auch Buchen- und Hainbuchenfrüchte, nimmt Taxusbeeren, Samen von Ahorn, Esche, Traubenkirsche, Erlen, Hasel- und Walnüsse, auch Erbsen; im Frühjahr zur Zeit der Jungenaufzucht Insekten, ihre Larven und andere Kerbtiere, weiche Sämereien und Knospen. Im Spätwinter und Frühling stehen vor allem Knospen, frische Blätter und Triebe auf dem Speiseplan. Er erntet die Nahrung von Bäumen vollständig ab, ehe zum nächsten gewechselt wird. Dabei beginnt er in der Regel im Bereich der Baumkronen. Bei Störungen trägt der Vogel den ganzen Fruchtstand fort. Zum Schluss knackt er die auf den Boden gefallenen Obstkerne, um ans Innere zu kommen. Im Winter ist er bei uns Standvogel und besucht gern die Futterstellen. Östlich und nördlich von uns ist er Zugvogel.

„Der Kernbeißer macht sich dem Obstgärtner sehr verhasst, denn der Schaden, welchen er in Kirschpflanzungen anrichtet, ist durchaus nicht unbedeutend.” Lt. *Naumann: “Eine Familie dieser Vögel wird mit einem Baum voll dieser reifen Kirschen bald fertig. Sind sie erst einmal in einer Anpflanzung gewesen, so kommen sie gewiss immer wieder, solange es daselbst noch Kirschen gibt, und alles Lärmen, Klappern, Peitschenknallen und Pfeifen hält sie nicht gänzlich ab. Schießen ist das einzige Mittel, sie zu verscheuchen, und dies darf nicht blind geschehen, sonst gewöhnen sie sich auch hieran. Die gewöhnlichen sauren Kirschen sind ihren Anfällen am meisten ausgesetzt. In den Gemüsegärten tun sie oft großen Schaden an den Sämereien und in den Erbsenbeeten an den grünen Schoten. Sie zerschroten die Früchte der Ebereschenbäumen und richten anderen Unfug an.” Es ist daher kein Wunder, dass der Mensch sich dieser ungebetenen Gäste nach Kräften zu erwehren sucht.”

Diese Zeilen heute gelesen, lassen vermuten, dass der Kernbeißer in früheren Jahren sehr häufig unsere Natur bevölkerte. Heute geniest er den vollen Schutz des Bundesnaturschutzgesetzes. Im Atlas der Brutvögel Sachsens, Ausgabe 2013, wird ein Bestand von 10.000 bis 30.000 Brutpaaren genannt. Der älteste Gefangenschaftsvogel wurde 19 Jahre und fünf Monate alt. Wildvögel erreichen selten ein Alter von mehr als fünf Jahren.

* Johann Friedrich Naumann (1780 – 1857) war ein deutscher Ornithologe und gilt als Begründer der Vogelkunde in Mitteleuropa.

Klaus Rost

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