Aus der Vogelwelt: Stieglitz

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Seit 1971 ist die alljährliche Wahl des Vogels des Jahres zur Tradition geworden. Mit dieser Gemeinschaftsaktion der beiden Naturschutzverbände NABU (Naturschutzbund Deutschland) und LBV (Landesbund für Vogelschutz in Bayern) soll auf die Gefährdung der Vögel und deren Lebensräume aufmerksam gemacht werden. Nicht immer geht es nur um die Schutzbedürftigkeit der jeweiligen Art, weil sie in ihrem Bestand gefährdet ist, sondern auch um die Erhaltung deren Lebensräume. Als der Wanderfalke zum ersten “Vogel des Jahres” ausgerufen wurde, war es für diese Art buchstäblich fünf vor zwölf. Seitdem haben Schutzmaßnahmen vom DDT-Verbot bis hin zu Horstbewachungen durch Ehrenamtliche eine der größten Erfolgsgeschichten im Vogelschutz geschrieben.

Der Schwarzspecht als ein Pionier des Waldes erschließt vielen anderen Höhlenbrütern den Wald und insbesondere das Altholz. Wirtschaftsdenken und Ordnungsliebe gefährden diesen Lebensraum, so dass der Schwarzspecht – stellvertretend für seltene Höhlenbrüter wie Rauhfußkauz und Hohltaube – steht, ebenso wie für die Spechte der Roten Liste, wie Mittelspecht, Grünspecht und Weißrückenspecht. Ihm galt 1981 die Aufmerksamkeit.
Mit dem Rebhuhn wurde 1991 eine Vogelart in das Blickfeld gerückt das vom ursprünglichen Steppenvogel zum Kulturfolger wurde. Die Einengung seines Lebensraums, ein schrumpfendes Nahrungsangebot, aber auch die fortdauernde Bejagung und die stetige Intensivierung und Technisierung der Landwirtschaft brachten das Rebhuhn bundesweit auf die Rote Liste der gefährdeten Vogelarten.
Während der Laufzeit dieser Aktion waren auch zwei Arten dabei, die jeweils zweimal Platz in dieser Liste fanden, der Weißstorch 1984 und 1994 und der Eisvogel 1983 und 2009. Die letztere Art dürfte uns gut in Erinnerung sein, steht sie doch besonders in unserer Stadt im Fokus zwischen den Naturschützern und den Verfechtern der touristischen Nutzung der Leipziger Gewässer.

Die nunmehr 46. Art, der Stieglitz, steht für vielfältige und farbenfrohe Landschaften, denn er ernährt sich vornehmlich von den Samen zahlreicher verschiedener Blütenpflanzen, Gräser und Bäume. Bunte Landschaften (nicht zu verwechseln mit dem politischen Begriff) mit ausreichend Nahrung gibt es jedoch immer weniger, daher ist der Bestand des Stieglitzes in Deutschland in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen.

Der Stieglitz oder wegen seiner Vorliebe für Distelarten auch Distelfink genannt, zählt zu unseren buntesten Gartenvögeln. Er hat eine kräftig rote Gesichtsmaske, einen weißen Kopf mit weißen Halsseiten und abgesetzt ein schwarzer Nacken und Oberkopf. Die Flügel weisen eine deutlich abgesetzte, breite leuchtend gelbe Binde auf. Der Rücken ist hellbraun, der Bürzel weiß. Der gegabelte Schwanz ist schwarz mit weißen Flecken im spitzen Drittel. Die Unterseite ist bräunlich an Brust und Flanken.

Er ist etwas kleiner als ein Sperling und von schlanker Gestalt mit kurzem Hals und dünnen Füßen. Beide Geschlechter sind gleich gefärbt. Lediglich den Jungvögeln fehlt die rote Gesichtsmaske, deshalb ist es nach der Brutzeit auch möglich, aus den herumfliegenden Familienverbänden die diesjährigen Jungvögel zu erkennen. Im Volksmund werden diese Jungvögel auch als „Grauköpfe” bezeichnet.

Beim Männchen reicht die rote Gesichtsmaske über dem Auge in der Regel beidseitig über dessen Hinterrand hinaus oder fasst diesen ein, beim Weibchen nicht oder nur knapp bis zum hinteren Augenrand und unter dem Auge meist nur unter die Augenmitte. Das ist in der freien Natur jedoch kaum erkennbar. Er wiegt ca. 16 g und hat eine Lebenserwartung (Alter) in der freien Natur von ungefähr fünf Jahren. In der Gefangenschaft (Käfighaltung) kann sich die Lebensdauer auf über das Doppelte erhöhen.

Der Stieglitz ist sehr ruffreudig. Der am häufigsten zu hörende Kontaktruf ist ein sehr helles, mehrsilbiges „stiglit” (was ihm auch zu seinem deutsche Namen verhalf), „didelit” oder „didlilit”. Besonders im Herbst und Winter kommunizieren Schwärme auf diese Weise miteinander. Der Gesang dient hingegen der Partnerwerbung sowie der Reviermarkierung und festigt die Bindung eines Paares. Stieglitze singen meist von Baumwipfeln aus und fliegende Stieglitze fallen fast immer durch ihre typischen Rufe auf. Im Gegensatz zu den meisten anderen Singvögeln singen auch weibliche Tiere, jedoch weniger laut und anhaltend als die Männchen.

Der Stieglitz lebt in offenen, baumreichen Landschaften und sofern sich in unseren Gärten auch größere Obstbäume befinden, tritt er auch als Brutvogel auf. Oft wählt er einen Nistplatz hoch in den Baumkronen oder in hohen Sträuchern auf dichtbelaubten schwer erreichbaren Außenzweigen. Das kleine napfförmige Nest wird vom Weibchen sorgfältig aus feinen Stängeln, Halmen, kleinen Wurzeln, grünem Moos, Flechten und Pflanzenfasern gebaut. Die dickwandige Nestmulde wird mit feinen Wurzeln, Halmen, Fasern sowie Federn und Wolle gepolstert. Der Nestbau beginnt in der Regel Mitte April und dauert etwa vier bis sechs Tage. Während der Brutzeit bewacht das Männchen das Weibchen und den Brutbaum oder -busch gegen Artgenossen. Das Nest selbst entdeckt man meist erst bei der Obsternte oder nach dem Laubfall.

In der Regel werden zwei Jahresbruten durchgeführt und pro Brut vier bis fünf Eier gelegt. Die Eier sind auf weißlichem Grund mit feinen rostbraunen, braunschwarzen und roten Schnörkeln und Flecken zum stumpfen Pol hin versehen. Gelegentlich sind auch ganz weiße Eier dabei. Nachdem das dritte Ei gelegt ist, beginnt das Weibchen allein mit der Brut. Während der Brutdauer von 12 bis 14 Tagen wird es vom Männchen mit Nahrung versorgt. Es verlässt das Nest nur, um Kot abzusetzen. In diesen ersten Lebenswochen werden die Jungen vorwiegend mit Insekten gefüttert, dann bekommen sie zunehmend auch halbreife Samen, die die Eltern im Kropf herbeibringen.

Nach 12 bis 14 Tagen verlassen die Jungen das Nest und werden noch einige Tage außerhalb des Nestes von den Eltern gefüttert. Ab dem 21. bis zum 25. Tag nehmen die Jungvögel eigenständig Nahrung auf, mit 28 bis 30 Tagen sind sie selbstständig.

Der Stieglitz ernährt sich von halbreifen und reifen Sämereien von Stauden, Wiesenpflanzen und Bäumen. Unter den ihm nachgewiesenen 152 Wildkräutern bevorzugt er Ackerdistel, Gänsedistel, Kratzdistel und Karden, aber auch Hirtentäschelkraut, Ampfer, Wegerich, Mädesüß, Vogelmiere, Sonnenblume, Beifuss, Knöterich sowie Kieferzapfen und Birkensamen. Deshalb lässt er sich außerhalb der Brutzeit, in kleineren Gesellschaften, auf Brach- und Ruderalflächen bei der Nahrungssuche beobachten. Während der Brutzeit frisst er auch kleine Insekten, insbesondere Blattläuse. An den Samenständen unserer Gartenblumen Tagetes, Zinnien und Cosmeen finden sich ebenfalls gern Familienverbände vom Stieglitz ein.

Der Stieglitz ist ein Teilzieher, der in Westeuropa überwintert. In westlicheren, milderen Regionen seines Verbreitungsgebietes ist er ein Standvogel. Im Winter sieht man die Stieglitze auch häufig an Futterstellen in unseren Gärten. Wegen seiner lebhaften Färbung war der Stieglitz bis ins 20. Jahrhundert ein beliebter Volierenvogel und wurde erst spät durch exotische Arten ersetzt.

Mit seiner Wahl soll der fortschreitende Strukturverlust in unserer Kulturlandschaft ins Blickfeld gerückt werden.” Der Stieglitz ist unser Botschafter für mehr Artenvielfalt und Farbe in Agrarräumen und Siedlungsbereichen” so das Fazit des NABU.

Klaus Rost

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