Aus der Vogelwelt: Pirol

Bild von sribas Santra auf Pixabay

Ende April. Gemeinsam mit einigen Gartenfreunden stand ich auf einem Spielplatz unter großen Kastanienbäumen und wartete auf die Einteilung der Arbeiten für die obligatorischen Gemeinschaftsstunden, als ein sich mehrfach wiederholender melodisch klingender Vogelruf aus den Baumwipfeln erklang. Ein Gartenfreund meinte, „der Pfingstvogel” sei da. Keinem der versammelten Gartenfreunde war ein Vogel mit so einem Namen bekannt. Doch ich konnte aufklären. „Wenn ihr diesen Vogel auch noch nicht gesehen habt, aber sein richtiger Name ist euch bestimmt aus einer früheren Tankwerbung bekannt. Es ist der „Minol …..”

… darauf vollendeten einige Anwesende spontan den Namen „Minolpirol”.

Nun gingen unsere Blicke nach oben in die Baumkronen und nach intensivem Suchen, konnten wir versteckt im Blattwerk einen star- bis drosselgroßen, auffallend gelb-schwarz gefärbten Vogel erkennen. Wegen seiner Gefiederfärbung ist er ausgezeichnet im Blätterwerk der Bäume getarnt und nur durch den charakteristischen “dülioliu”-Ruf macht er auf sich aufmerksam und dann beginnt das Suchen. Aber Vorsicht: Pirolrufe werden sehr oft vom Star imitiert.

Der Pirol ist der einzige Vertreter seiner Familie außerhalb der Tropen. In Europa fehlt er nur in Großbritannien, Skandinavien und im Nordosten unseres Kontinents.


Pirole zeigen im Federkleid einen auffälligen Geschlechtsunterunterschied. Das Männchen hat einen grell-gelben Rumpf und schwarze Flügeldecken mit einem gelben Fleck am Flügel, die Schwanzfedern, der Stoß, sind schwarz mit zwei gelben Streifen. Junge Weibchen sind mattgrün gefärbt mit etwas hellerer, gesprenkelter Brust und Bauch und einem gelblichen Unterbauch. Diese Färbung verbessert die Tarnung beim Brüten auf dem Nest.

Als Langstreckenzieher trifft der Pirol meist erst Ende April / Anfang Mai bei uns ein (daher auch der Name „Pfingstvogel”). Der Bau des kunstvoll aufgehängten Nestes, welches hoch im Baum in eine waagerechte Astgabel oder zwischen zwei waagerecht stehende Zweige aufgehängt wird, ist ein Napf, dessen Ränder um die Zweige geschlungen sind. Das Nest wird vom Weibchen allein in 7 bis 10 Tagen gebaut. Die ersten Fäden der Nestanlage werden an einer geeigneten Astgabel mit Speichel angeklebt. Ihre Verankerung ist wichtig, da sie das Nest mit dem gesamten späteren Inhalt tragen müssen.

Das Außennest besteht meist aus Bastfasern, Schnüren, Schafwolle, Gespinste aller Art, auch Stofffetzen, Grashalme, dürre Blattstückchen und Birkenrinde. Innen ist das Nest mit Moos, Pflanzenwolle, Federn und feinen Halmen ausgepolstert. Eine „Blätterhaube” über dem Nest erfüllt neben einem Witterungsschutz eine Tarnfunktion und bietet damit einen weiteren Schutz gegen Raubfeinde aus dem Luftraum. Die Nester können manchmal so stabil gebaut sein, dass sie mehrere Jahre hängen können.

3 bis 5 weiß-rosa, sparsam purpurbraun bis schwarz gefleckte Eier werden während einer Jahresbrut gelegt und in 14 bis 15 Tagen ausgebrütet. An der Bebrütung beteiligen sich beide Partner, doch löst das Männchen das Weibchen nur für kurze Zeit beim Wärmen der Eier ab, damit sich das Weibchen auf Nahrungssuche begeben kann. Bei warmem Wetter dürfen die Eier tagsüber schon einmal vorübergehend unbedeckt bleiben; nachts sind die Nester aber ständig besetzt. Brutunterbrechungen könnten sich in der Nachtkühle für die sich entwickelnden Keimlinge tödlich auswirken. Nach weiteren 14 bis 15 Tagen – so zwischen Mitte bis Ende Juni – schlüpfen die Jungen. Als typische Nesthocker kommen sie blind auf die Welt. Erst im Alter von 6 Tagen beginnen sich die Augenschlitze zu öffnen, und etwa am 8. Lebenstag sind die großen Augen völlig offen.

Beide Partner füttern ihre Jungen aber es dominiert das Weibchen. Sein Fütterungsanteil kann bis zum Dreifachen des Männchens betragen. Beobachtungen haben ergeben, dass bis 24 Fütterungen pro Stunde durchgeführt wurden. Dabei kann ein Paar mehr als 200 Fütterungen vornehmen. In den ersten 1 bis 5 Tagen nach dem Schlupf steigt die Frequenz zunächst deutlich an. Das hängt wahrscheinlich mit dem hohen Wachstumstempo zusammen und sicher auch mit der Tatsache, dass die weitgehend unbefiederten Nestlinge viel Energie benötigen, um ihre Körpertemperatur aufrecht zu erhalten. Etwa ab dem 5. Tag scheint die Häufigkeit der Fütterungen nicht weiter zuzunehmen, ja sogar zu sinken, obwohl die Jungen jetzt größer sind. Aber die Eltern bringen von Tag zu Tag auch größere Beutestücke, so dass eine Fütterung mehr Energiezufuhr bedeutet.

Pirole sind vornehmlich Insektenfresser. Gleich nach der Ankunft aus dem Winterquartier spielen besonders größere Insekten, wie z. B. Mai- oder Junikäfer eine Rolle. Auf der Speisekarte der Jungvögel stehen zunächst vor allem weichhäutige Raupen, die besonders gut verdaulich sind. Später werden auch voll entwickelte Insekten mit härterem Chitinpanzer verfüttert, wie Käfer und Heuschrecken. Manchmal bereiten die Altvögel die Nahrung für ihre Jungen auch etwas zu: Raupen werden die Chitinköpfe abgebissen; behaarte Raupen, die außer dem Pirol eigentlich nur der Kuckuck als regelmäßige Beute auf seinem Speiseplan stehen hat, werden durch Einspeicheln so präpariert, dass sie von den Nestlingen leichter geschluckt werden können. Im späteren Nestlingsalter erhalten die Jungen auch Beeren und Kirschen. Gegen Ende der dritten Lebenswoche sind die Jungvögel flügge und fliegen erstmals aus, jedoch bleibt die Familie noch 1 bis 2 Wochen zusammen und der Nachwuchs wird auch noch weiter mit Nahrung versorgt. In dieser Phase beginnen bereits die Vorbereitungen für den Flug in die Winterquartiere.

Etwa gegen Ende Juli / Anfang August geht der Pirolsommer seinem Ende entgegen. Ab Mitte September bis Oktober ist das Winterquartier erreicht. Sein Schwerpunkt liegt im tropischen Ostafrika etwa auf den Gebieten der Länder Uganda und Kenia bis ins Kapland und weiter nach Westen bis Namibia und Angola. Man kann also davon ausgehen, dass die größten Zugstrecken einzelner Pirole länger als 8.000 km sind! Diese gewaltige Strecke muss aber zweimal im Jahr zurückgelegt werden. Der tropische Pirolwinter ist als doppelt so lang wie der kurze Sommer im europäischen Brutgebiet. Der Pirol steht damit aber nicht allein in der mitteleuropäischen Vogelwelt: Andere Langstreckenzieher, wie Mauersegler, Kuckuck, Sumpfrohrsänger oder Neuntöter geben bei uns auch nur eine kurze Gastrolle.

Anfangs hatten wir schon erfahren, dass der Pirol unter verschiedenen Namen bekannt ist. Hier noch eine kleine Auswahl. Auf sein Aussehen beziehen sich: Goldamsel, Goldvogel, Goldfink, Goldmerle, Gelbvogel, Gelbling. Aber auch Bezüge zu seinem Verhalten ergeben sich, Kirschvogel, Kirschdrossel, Kirschdieb (Nahrung).

Der Pirol ist seit Jahrhunderten der Wappenvogel des Adelsgeschlechts von Bülow und wird deshalb auch Vogel Bülow genannt. Der Humorist Vicco von Bülow wählte das französische Wort für den Pirol als Künstlernamen: Loriot.

Klaus Rost

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