Aus der Vogelwelt: Girlitz

Bild von Oldiefan auf Pixabay

Ein von einem erhöhten Standort aus vorgetragener fast ununterbrochener Gesang eines Vogels, der sich wie ein schnelles, quietschendes Zwitschern anhört, das eher an das „Quietschen eines nicht geölten Kinderwagens“ erinnert, erregte meine Aufmerksamkeit. Gegen die Sonne schauend konnte ich die Farben des Vogels nicht erkennen, jedoch erschien er in seiner Gestalt relativ klein. Wenn man den Gesang mehrmals gehört hat, dann kann man diesen Vogel ohne weiteres an seinem auffallenden Gesang bestimmen.

Es ist der kleinste heimische Finkenvogel, der Girlitz. Mit einem Gewicht von 11,5 Gramm ist er viel kleiner als der bis 24 Gramm schwere Buchfink aus der gleichen Familie. Nicht nur im Sitzen singt der Girlitz, manchmal steigt er auch von seiner Antenne oder seiner Baumspitze auf und singt im Flug.

Das Männchen hat eine auffallend gelbe Stirn, Kehle und Brust; ebenso gefärbt ist ein breiter Überaugenstreifen. Das übrige Gefieder ist gelb, jedoch mehr oder minder intensiv gestreift. Der Schwanz ist dunkelbraun gefärbt und gegabelt. Der Bürzel, der Übergang zwischen Schwanz und Rückengefieder, ist gelb. Die Weibchen sind mehr grünlichgelb und teilweise an der Unterseite grau und oberseits bräunlich. Auffallend ist der kleine kurze Kegelschnabel der ihn als Körnerfresser ausweist. Das Gesamtaussehen erinnert an einen wildfarbenen Kanarienvogel.

Der Girlitz ernährt sich von Samen, außerdem von Blattspitzen und Knospen. Der kurze, dicke Schnabel des Vogels eignet sich gut zum Zermahlen der Samenkörner. Besonders während der Jungenaufzucht fressen Girlitze auch Insekten.

Girlitze bauen ihr Nest in einem dichten Busch oder Baum, oft in Nadelbäumen außen an einem Ast. In unseren Gärten baut der Girlitz beispielsweise in Spalieren, Büschen oder in Obstbäumen sein Nest.

Beim Mähen des Rasens wurde ich durch leises Piepsen aus einer Apfelspindel auf Jungvögel aufmerksam. Trotz intensiver Suche von unten konnte ich das Nest nicht finden. Erst zwei Tage später, als es mir gelang einen Altvogel in den Baum einfliegen zu sehen und ich den Neststandort etwas eingrenzen konnte, holte ich die Bockleiter und konnte von oben das in etwa 3 Meter Höhe auf einem Ast aufsitzende Nest entdecken, in dem sich vier Junge befanden.

Da der Girlitz auch das kleinste Nest baut, war es von unten immer durch Blattwerk geschützt und ich konnte es dadurch nicht entdecken.

Das Nest ist ein fester Napf aus Gras, Halmen, Wurzeln sowie Moos und wird von innen weich mit Federn und Haaren ausgelegt. Der Nestbau beginnt in der Regel Mitte April und dauert etwa drei bis sechs Tage. Während der Brutzeit bewacht das Männchen das Weibchen und den Brutbaum oder -busch gegen Artgenossen.

Das Weibchen brütet allein und wird nicht vom Männchen abgelöst. Es verlässt das Nest kurz am Morgen und am Abend, um Kot abzusetzen und zu trinken. Die restliche Zeit versorgt das Männchen das Weibchen mit Nahrung aus dem Kropf. Die Weibchen sitzen normalerweise sehr fest und ausdauernd auf den Eiern. Die Brutzeit dauert etwa 12 bis 14 Tage.

Die Eier sind bläulichweiß mit rostroten und dunkelbraunen bis schwärzlichen Flecken, Punkten und Kritzeln, die sich kranzartig am stumpfen Pol häufen.

Mit dem 16. bis 17. Tag fliegen die Jungen aus und verteilen sich in der Umgebung des Nest-baumes. Sie werden aber bis zum 23. Tag noch von ihren Eltern gefüttert. Oft versorgt das Männchen die Jungen allein und bringt ihnen bei, auf Nahrungssuche zu gehen und selbst-ständig zu fressen. Währenddessen beginnt das Weibchen mit der zweiten Brut.

Nach etwa einer Woche suchen die Jungen den Nestrand, stemmen sich daran hoch und koten über den Rand. Da ihnen das nicht immer gelingt ist der Nestrand oft mit Kotballen besetzt. Die Eltern schaffen den Kot der Jungen nicht fort, wie das die meisten anderen Singvögel tun. So sind die leeren Nester leicht als Girlitznester zu bestimmen. Übrigens auch das Nest des Grünfinks ist mit Kotballen besetzt. Der Unterschied der beiden Nester ist jedoch an der unterschiedlichen Nestgröße erkennbar.

Bei uns ist der Girlitz noch nicht allzu lange heimisch. Vor etwa 100 Jahren wanderte diese Vogelart erst in unsere Gegend ein. Vorher gab es Girlitze nur in Südeuropa. Nachdem alle Altvögel die Mauser im Spätsommer nach sechs bis acht Wochen abgeschlossen haben, schließen sich mitteleuropäische Girlitze in größeren Schwärmen zusammen und ziehen im Oktober nach Südeuropa und treffen Ende März/Anfang April wieder in ihrem mitteleuropäischen Brutgebiet ein.

Dann kann man wieder das singende Männchen, auf erhöhten Singwarten mit uneingeschränkter Sicht über das Revier, so dass es bei Gesang und Balzflug von Weibchen und Rivalen gesehen wird, beobachten.

Und dann hilft er uns im Garten wieder bei der biologischen Unkrautbekämpfung. Der Girlitz sucht seine Nahrung normalerweise ganzjährig auf dem Boden. Der Girlitz frisst bevorzugt die Samen von Wiesen-Löwenzahn, Vogelmiere, Vogel-Knöterich und Hirtentäschelkraut. Seine Nahrung besteht ferner aus folgenden Wildkräutern: Beifuß, Echtes Mädesüß, Wiesen-Sauerampfer, Acker-Gänsedistel, Weißer Gänsefuß und Gewöhnliches Knäuelgras. Außerdem ernährt er sich von Blüten, Blättern und Blattläusen.

Wie bereits im Vormonat muss für unsere gefiederten Freunde weiterhin die Vogeltränke ständig zur Verfügung stehen, damit die Vögel bei der z.T. heißen Witterung ihren Durst und ihr Badebedürfnis stillen können. Mitunter reicht dafür bereits ein, auf einem ca. 1.20 Meter hohen Pfahl aufgestellter, größerer Blumentopfuntersetzer. Hier muss jedoch täglich das Wasser gewechselt werden. Wichtig ist auch, dass auf allen unabgedeckten Wasserbehältnissen, auch dem Pool, ein Schwimmbrett aufgelegt ist. Es soll verhindern, dass Jungvögel in dieser Wasserfläche ertrinken.

Muldenförmige Vertiefungen, die da und dort gelegentlich auf unseren Beeten zu finden sind, rühren von Sperlingen her. Diese nehmen gern ein Sand- oder Erdbad, um sich von Parasiten zu befreien, die sich in ihrem Gefieder aufhalten.

Klaus Rost

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